ANDREAS SPIEGL
Medientheoretiker und Autor
Lektor am Institut für Kunst und Kulturwissenschaften der Opens external link in new windowAkademie der bildenden Künste Wien

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Man könnte ...

Andreas Spiegl

Man könnte über eine Ausstellung von zwei Künstlern und einer Künstlerin schreiben, über die Arbeiten von David Eisl, David Roth und Maria Luz Olivares Capelle. Man könnte auch über zwei andere Künstler schreiben, über Graf+Zyx, die ihren jungen Kollegen und Kolleginnen die Hand reichen, ihre Räume für die Arbeit anderer öffnen, über Kunst, die sich für Kunst engagiert, über die eigene Arbeit hinaus, für eine Gegenwart, die als unbekannte Größe willkommen geheißen wird. Man könnte über einen Vertrag der Kunst mit der Gesellschaft schreiben, über eine bisweilen einseitige Verpflichtungserklärung, den Vertrag nie zu lösen, auch den Vertrag nicht, der von der Notwendigkeit und vom Experiment unterschrieben wurde, im Wissen um die virulenten Grenzen des Wissens und Vorstellbaren. Man könnte auch über die Übergänge von Wissen und Unwissen schreiben. Man könnte diese Zone des Übergangs beschreiben, in dem man die Begriffe und Namen, die man den Dingen und Personen zuordnet, nur kurz vergisst, zur Seite lässt. Die einzelnen Arbeiten dort erkennt, wo sie ineinander übergehen, sich berühren, ausfransen. Ein Unterbrechen der Namen für eine Sprache des Übergangs, der Passage, der Wandlung von einer Ordnung in die andere, in die neue, in die Ordnung des Übergangs, die eine alte Ordnung übergeht. Wie der fließende Übergang von der Landschaft in die Wiese, von der Wiese in den Garten, in dem an einer Wäscheleine regenbogenfarbig Wäsche flattert. Als wäre es ein Stück Alltag, ein malerisch gehängter Ausläufer von Alltäglichkeit, die in eine andere Ordnung übergeht, sich als Bild zu erkennen gibt, als Alltag innehält. Nur eine kurze Unterbrechung, ein winziger Spalt in der Zeit, in der sich die Kunst zu Wort meldet, flüstert, wie der Wind, der durch die Wäsche streift, durch die Reste einer Leinwand, eines Bildes, das zur Ruhe kommt – gezeichnet von den Spuren eines Weges, einer Biografie. Wie ein Tagebuch, das man durch die Landschaft geschleppt hat, um die Wörter zu verlieren, die Sprache. Um eine Geschichte loszuwerden, zu erzählen, wie man etwas hinter sich lässt, eine Ordnung, die nicht mehr stimmt. Das Bild einer Ordnung, die den Alltag maskiert. Aus dem kleinen Riss in der Zeit drängt ein anderes Begehren, bäumt sich auf zur Welle, die an der Terrasse bricht und ins Haus flutet, wie im Stroboskop die Bewegung zerbricht. Bild für Bild, die Unterbrechung einer Flut zur Sequenz. Aus dem Nebenraum meldet sich ein Gewitter zu Wort, donnert nur akustisch herein. Innenräumlich, ohne Wolken an der Decke. Ohne Ankündigung unterbricht es das Bild von Sonnenschein, die Ordnung des Wetters, dem die Wäsche an der Leine ausgesetzt ist. Es lauert vor einer Behausung, vor einem Haus im Haus, das mit seinem Innenraum das Innen des Hauses zum Außen erklärt, sich vom Innen schützt, sich mit Stoffen bekleidet, um so nackt wie zart zu erscheinen. Wie ein Zelt, das die Erscheinung eines Regenbogens beherbergt, ein kurzes Aufscheinen des Spektralen – das Bild eines Regenbogens, das sich wiederholt, als gäbe es eine Ordnung des Regenbogens, eine Ordnung des Unterbrechens, eines Erscheinens, das darauf wartet zu verschwinden. Eine Ordnung der Unterbrechung als Übergang. Dann kann man die Zeit wieder in die Hand nehmen, irgendwann die Wäsche im Garten abnehmen, vielleicht auf die nächste Welle warten und mit dem Bild vor dem Haus wieder weiterziehen, wie eine Geschichte, wie das Tagebuch einer Gesellschaft, die sich neu ordnet, manche Seiten gemeinsam schreibt – und sei es die Ausnahme, nur ein Bild, ein Augenblick, der die Geschichte bezeugt.